MuK-Blog der SRH Fernhochschule – The Mobile University

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36. FilmFest München: Of Fathers and Sons – Aufwühlende Doku über das Erbe von Ideologie und Krieg.

Gestern war der letzte Tag des 36. FilmFest München und anstatt mich mit der Preisverleihung (hier geht’s zu den Gewinnern) zu beschäftigen, war es mir wichtiger einen ganz bestimmten Film sehen zu können: OF FATHERS AND SONS. Der Dokumentarfilm lief bereits auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival und gewann dort den World Cinema Grand Jury Prize. Da ich den Film dort verpasst hatte, wollte ich ihn mir nicht auch noch ein zweites Mal entgehen lassen und kann gleich eins vorweg nehmen: Dieser Film ist ein Dokument unseres Zeitgeschehens und führt uns ganz unverblümt vor Augen, was ein andauernder Krieg und der Glaube an eine Ideologie mit ganzen Generationen, besonders mit Vätern und deren Söhnen macht.

Of Fathers and Sons

©Muk-Blog/Hardt,E. (2018)

Talal Derki, der Regisseur und Co-Produzent von OF FATHERS AND SONS, wollte wissen, was in seinem Heimatland Syrien wirklich passiert: Warum radikalisieren sich Menschen in dieser Region, was ist die Psychologie dahinter und was bringt sie dazu, unter den strengen Regeln des islamischen Staats zu leben? Selbst Atheist, begab sich Derki auf eine 2,5-jährige, gefährliche Mission: Er gab sich als gläubiger Muslim und radikal-islamischer Sympathisant aus, um den Alltag von Abu Osama (45), einem der Al-Nusra-Gründer und seinen acht Söhnen einzufangen, für die es nur eine Zukunft zu scheinen gibt: Genauso wie ihr Vater zu Soldaten zu werden, die den heiligen Krieg fortführen. Der Fokus liegt hier besonders auf Osama (13) und Ayman (12).

Anfangs noch ganz spielerisch, werden die Kinder auf den Krieg vorbereitet. Sie bauen selbst kleine Bomben, fangen Vögel, die sie schlachten und tragen Faustkämpfe untereinander aus. Zerbombte Häuser und alte Panzer dienen als Abenteuerspielplatz. Die Jungen himmeln ihren Vater an, möchten Kriegsgeschichten von ihm hören und mehr darüber wissen, wie er seine Gegner geköpft hat. Noch bevor sie überhaupt richtig in der Pubertät sind, müssen Osama und Ayman zum ersten Mal ins Shari’ah-Camp, wo ihre harte Ausbildung beginnt. Sie lernen, wie man Gefangene nimmt, müssen durch brennende Reifen springen und es über sich ergehen lassen, dass die Soldaten knapp neben sie schießen, damit sie ihre Angst vor Waffen verlieren. Immer mit dabei: die Flagge des islamischen Staates. Während Osamas Schicksal in den Krieg zu ziehen bereits besiegelt ist, ist Ayman noch nicht bereit und möchte lieber noch länger in die Schule gehen. Doch auch für ihn wird es bald kein Zurück mehr geben.

Of Fathers and Sons Ticket

©Muk-Blog/Hardt,E. (2018)

Es ist schwierig in Worte zu fassen, was man hier als Zuschauer in 98 Minuten alles erlebt und fühlt: Auf der einen Seite steht eine für uns fremde und mehr als unverständliche Ideologie, die wir wohl nie ganz greifen und verstehen werden können, auf der anderen Seite führt uns Talal Derki vor Augen, dass es sich dennoch um ganz normale Menschen handelt, mit denen wir mitfühlen. Es scheint Paradox. Der strenge Vater, der seine Söhne liebt, aber keine Sekunde zögert sie für seinen Glauben zu opfern. Die Jungen, die die Ideologie ihres Vaters in die Wiege gelegt bekommen und trotzdem in ihrer eigenen Normalität Momente der kindlichen Unbeschwertheit erleben – zumindest bis sie alt genug sind, um am eigenen Leib zu erfahren, dass die Realität des Krieges weitaus grausamer ist, als jede spielerische Idee davon, zu der sie erzogen wurden.

Was in den täglichen Nachrichten so weit weg scheint, bekommt durch Derkis Dokumentation ein Gesicht und schafft mehr Verständnis, ohne dabei die Ideologien der Protagonisten zu unterstützen. Empathie entsteht vor allem durch die Erkenntnis, dass die Kinder keine andere Wahl haben, als den für sie vorbestimmten Weg zu gehen. Der Regisseur vermeidet es wertende Aussagen zu treffen, lässt die Bilder für sich sprechen. Sein Resümee, dass den Zuschauer am Ende des Films zurück in die eigene Realität holt: Ich erkenne meine Heimat nicht wieder.

Über den Regisseur

Der in Damascus geborene Talal Derki studierte in Athen Regie und arbeitet im Anschluss für das arabische Fernsehen, bevor er als freier Kameramann für CNN und Thomson & Reuters beschäftigt wurde. 2014 erhielt sein Film RETURN TO HOMS beim Sundance Filmfestival den World Cinema Grand Jury Prize, wie auch OF FATHERS AND SONS 2018. Seit vier Jahren lebt Derki in seiner neuen Wahlheimat Berlin.

Textquellen:
http://www.filmfest-muenchen.de/en/festival/preise-preistraeger/
http://www.filmfest-muenchen.de/en/programm/filme/film/?id=5698
https://www.offathersandsons.com

Autor: Emely Hardt

Emely Alexandra Hardt entschied sich, dank eines Vollstipendiums, während ihrer Arbeit als Tänzerin und Choreografin, für ein Fernstudium an der Srh Riedlingen. Sie war bereits an internationalen Filmproduktionen, unter anderem mit Oscar Preisträgerin Brie Larson und Donald Sutherland, beteiligt und gründete im Mai 2017 ihre eigene Produktionsfirma "Smart Hardt". Zusätzlich ist sie seit April 2017 in der In-House Produktion der Constantin Film München tätig.