Oscars 2020: Wie relevant sind die Academy Awards noch?

#OSCARSSOWHITE – nachdem man noch vor einem Jahr hoffen durfte, dass die Academy langersehnte Fortschritte macht und endlich versucht sich in Sachen Repräsentation an die Demografien der Generationen X und Y anzunähern, schienen die Oscars 2020 in dieser Hinsicht wieder ein großer Rückschritt. So kursierte genannter Hashtag nach 2018 diese Jahr – berechtigterweise – erneut im Netz. 

Die Oscars gelten schon lange als das Nonplusultra, der angesehenste Preis unter den Filmpreisen, der Traum eines jeden Filmemachers und Schauspielers. Aber wie relevant können Filmpreise überhaupt noch sein, die sogar im Jahre 2020 vorwiegend innerhalb einer kleinen, festgefahrenen und privilegierten Gruppe, weißer Männer vergeben werden? 

Oscars
©Muk-Blog/Hardt, E. (2020)

Neben den großteils fehlenden Nominierungen für Afro-Amerikaner, Asiaten, Latinos und LGBTQs, waren in der Kategorie für „beste Regie“ auch dieses Jahr nur Männer nominiert. Verwundernd hier besonders Greta Gerwigs Auslassung, denn ihre Adaption von „Little Women“ war in vielen der grossen Kategorien nominiert, unter anderem auch zwei der mitwirkenden Darstellerinnen. Schon etwas merkwürdig, der Regisseurin keinerlei Verdienst für das Spiel der Mitwirkenden zuzuschreiben und sicherlich fragwürdig warum sie dieses Jahr keine Nominierung erhielt. Man hätte die 92. Academy Awards also fast schon abschreiben können, hätte es nicht ein paar kleine Lichtblicke gegeben: 

Hildur Guðnadóttir hat sich mit ihrer Filmmusik zu „Joker“ gegen eine Riege erstklassiger, etablierter Komponisten durchsetzen können und ist damit die erste Frau, die in dieser Kategorie seit 1997 gewinnen konnte. 

Taika Waititi gewann am Sonntag als erster Drehbuchautor von maorischer Abstammung den Oscar für „bestes adaptiertes Drehbuch“ für seinen Film „JoJo Rabbit„.

Nicht zuletzt schaffte Bong Joon Ho es mit seinem Film „Parasite“ in gleich ein paar Hinsichten alte Barrieren zu durchbrechen und den Oscars 2020 ein Mindestmaß an Relevanz zurückzugeben.

So sind Bong und sein Kollege Han die ersten asiatischen Drehbuchautoren, denen je ein Academy Award verliehen wurde.

In der Kategorie „bester Film International“ gab es dank des Films den aller ersten Oscar für das Land Südkorea. 

Bong ist außerdem der erste asiatische Filmemacher, der es fertigbrachte den Preis für „beste Regie“ mit einem nicht-englischsprachigen Film zu gewinnen. 

Und nicht zuletzt ist „Parasite“ der erste Film, der es schuf in Originalsprache mit Untertiteln, den Oscar für „bester Film“ abzustauben. Ein kleines Wunder in Hollywood, das bekannt dafür ist lieber Remakes von guten ausländischen Filmen zu machen, statt die Originale mit Untertitelung ins Kino zu bringen. 

Bong Joon Ho gewann bei der diesjährigen Verleihung allerdings nicht nur Awards, sondern auch die Herzen des Publikums mit seinen bescheidenen Reden, in denen er seine Lehrer und Unterstützter, die gleichzeitig seine Mitbewerber waren, ehrte:

„Als ich ein junger Mann war, der Film studierte, gab es eine Redensart, die ich mir sehr zu Herzen nahm, die da heißt ‚Das persönlichste ist das kreativste'“, übersetzte eine Dolmetscherin für ihn aus dem koreanischen. „Dies ist ein Zitat von unserem großartigen Martin Scorsese.“ 

Bongs „Parasite“ hat sicherlich eine anderweitig langweilige Preisverleihung vor der Pleite gerettet und allen bewiesen, dass erfolgreiches Filmemachen weder von Nationalität, Hautfarbe oder Sprache abhängig sein muss und auch das US-Publikum offen für nicht-englische Filme ist. Will die Academy ihre Relevanz behalten, kann sie sich jedoch für nächstes Jahr nicht auf eine Ausnahmeerscheinung wie Bong verlassen und muss schleunigst dafür sorgen, dass sich bereits im Auswahlverfahren der Filme noch mehr ändert.

QUELLEN:
https://www.vanityfair.com/hollywood/2020/02/oscars-2020-adapted-screenplay-taika-waititi
https://oscar.go.com/news/winners/oscar-winners-2020-see-the-full-list
https://nypost.com/2020/02/10/oscars-2020-bong-joon-ho-is-a-saint-joaquin-phoenix-is-selfish/
https://www.forbes.com/sites/jeetendrsehdev/2020/01/13/oscar-nominations-2020-the-oscars-is-in-real-danger-of-losing-its-relevance/#522763e0314f
https://www.latimes.com/entertainment-arts/movies/story/2020-02-10/oscars-bong-joon-ho-parasite-wins



Emely Hardt

Emely Alexandra Hardt entschied sich, dank eines Vollstipendiums, während ihrer Arbeit als Tänzerin und Choreografin, für ein Fernstudium an der Srh Riedlingen. Sie war bereits an internationalen Filmproduktionen, unter anderem mit Oscar Preisträgerin Brie Larson und Donald Sutherland, beteiligt und gründete im Mai 2017 ihre eigene Produktionsfirma "Smart Hardt". Zusätzlich ist sie seit April 2017 in der In-House Produktion der Constantin Film München tätig.