Open Source in Pandemie-Zeiten: Moderna-Gencode auf GitHub veröffentlicht (1/2)

Open Source ist insbesondere in der Pharmaindustrie immer wieder im Gespräch. Und das vor allem jetzt. Viele Länder kämpfen verzweifelt daran, effektiv und schnell gegen Covid-19 vorzugehen. Zwar existieren heute bereits unterschiedliche Impfstoffe, dennoch reichen diese in vielen Ländern noch lange nicht aus, um ein wirklich schnelles Bekämpfen der Pandemie zu ermöglichen.

Doch was bremst die globale Immunisierung aus? Würde der Kampf gegen das Virus nicht vielleicht schneller gehen, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen würden?

Im ersten Teil dieser Mini-Serie befassen wir uns zunächst mit Open Source allgemein und seinem Einsatz in der Pharmaindustrie. Der zweite Teil folgt am 14.04.2021 und befasst sich damit, wie Wissenschaftler die Open-Source-Community nutzen, um die weitere Forschung und Impfstoffentwicklung für Covid-19 voranzutreiben.

Was bedeutet Open Source?

Open Source hat seine Wurzeln in der Software-Entwicklung. Laut der Open Source Initiative, die sich seit 1998 für die freie, gemeinschaftliche Nutzung, Weiterentwicklung und Distribution von Software einsetzt, begann das allgemeine Interesse am Teilen und gemeinschaftlichen Verbessern von Software-Code unter anderem als Linux in den 90er Jahren in den Medien an Aufmerksamkeit gewann. Das Open-Source-Betriebssystem wird heute überall auf der Welt kontinuierlich und von den unterschiedlichsten Anbietern weiterentwickelt. End-User:innen können aus zahlreichen Linux-Distributionen wie beispielsweise Ubuntu oder Mint wählen und das System kostenlos auf den eigenen PC herunterladen. Das hört sich doch super an! Aber kann man dieses Konzept auch auf den Bereich Pharma und Medizin anwenden?

Ethik vs. Ökonomie – Ein ewiger Kampf

Über eines sind sich viele Experten einig: Ein wahrer „Sieg“ gegen Covid-19 ist nur dann möglich, wenn die gesamte Weltbevölkerung ausreichend gegen das Virus geschützt ist. Stattdessen aber beobachten wir täglich, wie Macht und Politik nach einer „business as usual“-Mentalität ihre Spielchen treiben. Angefeuert vom wirtschaftlichen Gewinnstreben sichern sich Unternehmen Exklusivrechte auf ihre entwickelten Medikamente und Verfahren und schotten sich somit gegenüber ihren Konkurrenten ab. Hierdurch wird die Gesamtmenge des verfügbaren Impfstoffes gegenüber der Menge, die vielleicht durch einen kooperativen Ansatz realisiert werden könnte, verknappt und ein gemeinsames, effektives Vorgehen gegen das Virus ausgebremst. Ist das auf globale Sicht wirklich der beste Weg, Covid-19 zu bekämpfen?

Open Source könnte die Impfstoff-Entwicklung und -verteilung beschleunigen
Open Source in der Pharmaindustrie könnte die Impfstoff-Entwicklung beschleunigen. (Photo by Mat Napo on Unsplash)

Zwar sind Patente durchaus sinnvoll, wenn es darum geht, Erfindungen zumindest für einen Zeitraum von 20 Jahren vor Nachahmung zu schützen und somit das Unternehmen für seine Forschung & Entwicklung „zu entlohnen“, dennoch sollte insbesondere in der Medizin das Wohl der Menschen Ansporn genug sein, um schnell effektive Vakzine gegen das Virus zu entwickeln. Mehr noch: Ethik sollte doch – und das nicht nur in der Medizin – zu jedem Zeitpunkt über dem natürlichen Streben nach Gewinnmaximierung von Unternehmen stehen. Befasst man sich mit dieser Thematik einmal bewusst, so rückt unmittelbar die Frage nach Open Source in der Medizin, aber auch anderen wichtigen Branchen wie beispielsweise der Landwirtschaft, in den Vordergrund. Sollte das Patentsystem mit all seinen Verzweigungen und Vernetzungen in diesen Branchen eingeschränkt oder gar vollkommen abgeschafft werden? Wie wirkt sich das dann auf die Innovationskraft dieser Branchen aus?

Was sind die Vor- und Nachteile von Open Source?

Die Vorteile

Das Open-Source-Prinzip steigert nicht nur den Verbreitungsgrad von Software, sondern ermöglicht durch die oft enorme Menge an Entwicklern, die sich mit einer solchen Software befassen, auch eine kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung ihrer Funktionalitäten. Der Angst vor Qualitätsverlusten wird dabei schon durch das Konzept selbst – die Veröffentlichung des Quellcodes – entgegengewirkt. Denn diese übt einen hohen Druck auf die Entwickler aus, da sich die Qualität ihres Codes natürlich maßgeblich auf die eigene Reputation auswirken kann. Zusätzlich wird der Quellcode durch die regelmäßigen Reviews einer kontinuierlichen Fehlerprüfung unterzogen, wodurch Unstimmigkeiten und Mängel schnell aufgedeckt und behoben werden können.

Doch warum entscheiden sich Entwickler überhaupt dazu, an einer Open-Source-Software mitzuwirken? Ganz einfach: Oft ist die mögliche positive Auswirkung auf die eigene Reputation ein maßgeblicher Anreiz für die Mitarbeit. Zudem sind Entwickler häufig durch die Prozesse und Richtlinien ihres Arbeitgebers in ihrem Tun eingeschränkt, weshalb ein Open-Source-Projekt oft die ultimative Möglichkeit darstellt, eigene Vorstellungen und Ideen in die Tat umzusetzen.

Open Source kann also zu einer geringeren Fehlerhaftigkeit von Software, einer schnelleren Verbreitung, Nutzung und Weiterentwicklung und somit definitiv zu einer Steigerung der Innovationskraft führen. Aber wenn das alles so genial ist, warum dann nicht Open Source für alles?

Die Nachteile

Eine Open-Source-Software lebt von einer aktiven Entwickler-Community. Ist diese nicht gegeben, so entfällt ein Großteil der soeben beschriebenen Vorteile oder kann zumindest nicht mehr optimal ausgenutzt werden. So gibt es bei vielen Projekten beispielsweise keinen hinreichenden Support, der User:innen bei Problemen weiterhelfen kann. Hier findet meist vor allem in Online-Foren ein reger Austausch zu auftretenden Schwierigkeiten statt. Voraussetzung hierfür ist allerdings, wie beschrieben, eine aktive Community. Diese beeinflusst auch maßgeblich, wie gut der Code gegen Angreifer geschützt ist, denn wo viele Schwachstellen unentdeckt bleiben, bietet sich auch automatisch eine große Angriffsfläche. Letztendlich fehlt zudem natürlich der finanzielle Anreiz, der bei Open-Source-Projekten ausbleibt.

Diese Abhängigkeit von der Community führt dazu, dass Open-Source-Vorhaben immer mit einem gewissen Risiko verbunden sind und scheitern können, sobald das Usernetzwerk nicht ausreicht um das Projekt zu tragen. Die Open-Source-Community GitHub, die sich heute auf ein Netzwerk von über 50 Millionen Entwickler stützt, bietet hier allerdings die optimalen Bedingungen für ausreichend Support und Aktivität.

Open Source in der Pharmaindustrie

Wie aus der bisherigen Argumentation erkenntlich wurde, können Open-Source-Projekte – zumindest in der Software- und IT-Branche – wahre Innovationstreiber sein. Dennoch sind sie auf eine gewisse Community angewiesen. Überträgt man diesen Ansatz nun auf die Pharmaindustrie und speziell auf das derzeitige Corona-Geschehen, kann allerdings mit Sicherheit gesagt werden, dass sich das Thema Impfstoff einer großen Relevanz erfreut und die Community – in diesem Fall das weltweite Forscher-Netzwerk , das willig ist, sich diesem Thema mit vollster Aufmerksamkeit zu widmen – vielleicht so groß ist, wie noch nie.

Das zeigt auch die derzeitige Kooperationsbereitschaft der großen Pharmakonzerne. So schließen sich Konzerne wie Sanofi und Bayer mit Herstellerfirmen wie Biontec/Pfizer oder CureVac zusammen. Hierdurch wird schon einiges an Knowhow geteilt und sicherlich auch der Prozess der Impfstoffproduktion und Distribution maßgeblich beschleunigt. Dennoch regeln derzeit Patente die entsprechenden Schutzrechte der Vakzine und schotten die Wirkstoffe somit gegenüber anderen Forscherteams ab.

Welche Maßnahmen es für die Liberalisierung der Impfstoffherstellung und -distribution schon gibt, folgt am 14.04.2021 im zweiten Teil der Miniserie.

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Quellen:
Patente: gesetze-im-internet.de, patents-kill.org
Open Source: t3n, Ubuntu, Mint, Open Source Initiative
Pharma: CureVac, Sanofi
Moderna: Mashable, NAalytics
Bilder: Mat Napo on Unsplash, Daniel Schludi on Unsplash

Lina Pierdziwol

Lina Pierdziwol

Lina hat ihre Begeisterung für die Welt der Medien und der Kommunikation während ihres dualen Bachelors entdeckt. Hier war sie zunächst im B2B-Eventmarketing tätig, fand aber während ihrer Bachelorarbeit schnell Gefallen an den Bereichen des Online Marketings. Nach ihrem Abschluss hat sie sich für den MuK-Master an der SRH entschieden und arbeitet seitdem parallel in einer Digitalagentur. Hier konzentriert sie sich vor allem auf Themen wie SEO und Content Management und befasst sich gerne in den gängigen Trends der digitalen Kommunikation.