Beflügelt Corona die Digitalisierung?

Homeoffice, Videokonferenzen, virtuelles Teambuilding – weckt das Corona-Virus die Digitalisierung in Deutschland aus dem Winterschlaf?

Viele Unternehmen, Behörden und öffentlichen Einrichtungen haben die Digitalisierung auf die lange Bank geschoben. Möglicherweise weil Digitalisierung zunächst teuer, kompliziert oder einfach zu abstrakt schien und kein Anlass gesehen wurde, dieses Thema voranzutreiben.

Einen Anlass gibt es nun: die Corona-Pandemie. Durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, Hygienekonzepte und strenge Auflagen war für viele der einzige Ausweg eine schnelle Digitalisierung im Schnelldurchlauf.

Digitalisierung in Unternehmen

Vor Februar 2020 hätte wohl niemand vermutet, dass gerade eine Pandemie zum Treiber der Digitalisierung in Deutschland werden könnte. Doch laut der ZEW Konjunkturumfrage Informationswirtschaft konnten während der „Corona-Krise“ 36% der befragten Firmen aus der Informationswirtschaft den Digitalisierungsgrad der Arbeit ihrer Beschäftigten erhöhen. Unter den Firmen ab 100 Mitarbeitern liegt dieser Wert sogar bei 55%. Auch in anderen Bereichen wie der Produktpalette oder den Geschäftsprozessen stieg die Digitalisierungsrate stark an. Die Zahl der Firmen, die grundsätzlich kein Homeoffice für ihre Mitarbeiter anbieten hat sich der Umfrage zufolge im Verlauf der „Corona-Krise“ von 52% auf 26% halbiert.

Aktuell müssen sich Unternehmen dem Wandel stellen und mehr Digitalisierung zulassen. Doch wie nachhaltig wird diese Entwicklung sein? Wenn die Pandemie überstanden ist und die Hygienemaßnahmen zurückgefahren werden, fallen die Unternehmen wieder in alte Muster zurück, oder wird der durch die Krise forcierte Wandel als eine Chance begriffen, die verpasste Digitalisierung und Flexibilisierung in Firmen nachzuholen? Zumindest was die Tendenz zum Homeoffice angeht, liegt nach der ZEW Studie die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Digitalisierung der Kultur

Besonders schwer traf die Pandemie die Kunst- und Kulturbranche. Als Reaktion auf die Absage öffentlicher Auftritte und die Schließung von Spielstätten und Ausstellungsorten treibt es nun immer mehr Kulturschaffende ins Internet. Theater streamen Bühnenstücke, Lesungen finden online statt und auch Galerien und Museen verstärken ihre Aktivitäten in sozialen Medien.

Digitalisierung Corona
David Mark / Pixabay

Die Veranstaltungsbranche ist ähnlich stark von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens betroffen. Doch auch hier werden erste Schritte hin zu einer Digitalisierung der Branche gemacht: immer mehr Fachmessen werden erfolgreich online abgehalten.

Und auch wenn für die meisten der Genannten die aktuell verstärkte Online-Präsenz nur ein Notbehelf ist, lohnt es sich darüber nachzudenken diese Angebote nach der Pandemie beizubehalten. Nicht um den Publikumsverkehr zu ersetzen, sondern um ihn zu ergänzen, um andere Zielgruppen zu erreichen und um „Appetit“ auf mehr zu machen.

Digitalisierung der Bildung

„Im Mai 2019 wurde der DigitalPakt Schule endlich auf den Weg gebracht. […] Dennoch befanden sich viele Schulen noch in der Kreidezeit, als Corona kam…“ fasst es die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg treffend zusammen. In Schulen fehlte es an Infrastruktur, geschultem Personal aber vor allem an Konzepten für einen Umstieg auf Fernunterricht. Natürlich kam die Pandemie für die Schulen genauso überraschend wie für alle anderen Institutionen, Firmen und Einzelpersonen auch. Dennoch taten sich die Schulen mit der folgenden „Zwangsdigitalisierung“ am schwersten. Auch als die Kultusministerien bereits entschieden hatten, dass es in Abhängigkeit der Inzidenz-Zahlen Fernlehrmodelle geben wird, schienen die Schulen nur wenige Vorkehrungen für diesen Fall zu treffen.

Die Schulen werden die Zeit nach der Pandemie vor allem dazu brauchen, durch den Fernunterricht entstandene Defizite auszugleichen. Abgesehen davon, dürfte nun aufgefallen sein, dass Schulen auch ohne Corona mehr Kompetenz beim Thema Digitalisierung benötigen. Auch es nicht das Ziel ist, Fernunterricht regulär einzusetzen, so ist eine gewisse Digitalkompetenz für Schulen und Lehrer auch im Präsenzunterricht von Vorteil.

Fazit

In vielen Bereichen treibt Corona zumindest kurzfristig die Digitalisierung stark voran. Ob diese Entwicklung nachhaltig ist, kann nur die Zeit zeigen. Wahrscheinlich ist, dass einige der während der Pandemie erprobten Methoden beibehalten werden oder als Impulse für weitere Projekte dienen werden. Andere hingegen werden wahrscheinlich wieder verschwinden, weil sie im „Normalzustand“ als zu komplex, zu teuer oder nicht mehr sinnvoll erachtet werden.

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Quellen: ZEW, Süddeutsche Zeitung, Spiegel, LPB-BW, FAZ
Bildquelle: Pixabay, Gerd Altmann

Simon Crins

Simon Crins

Simon ist ausgebildeter Mediengestalter und absolvierte bereits sein Bachelorstudium an der Mobile University. Währenddessen war er für die ProSiebenSat.1 Gruppe unter anderem als Projektleiter tätig. Seit Ende 2018 arbeitet Simon im Raum Wolfsburg als Test- und Entwicklungsingenieur und hat im September 2020 sein Masterstudium in Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mobile University begonnen.