Open Source in Pandemie-Zeiten: Moderna-Gencode auf GitHub veröffentlicht (2/2)

Im ersten Teil dieser Miniserie wurde untersucht, inwiefern Open Source die Entwicklung von Corona-Impfstoffen und deren weltweite Verteilung maßgeblich beschleunigen könnte. In diesem Teil wollen wir nun einen Blick auf derzeitige Liberalisierungsmaßnahmen des Impfstoff-Marktes werfen, die eine globale Zusammenarbeit bei der Impfstoffverteilung begünstigen könnten. Ein erster Schritt in diese Richtung ist zum Beispiel die Veröffentlichung der Pfizer/BioNTech- sowie der Moderna-Impfstoff-mRNA-Sequenz auf GitHub oder auch COVAX, eine Initiative zur gerechten Impfstoffverteilung auf globaler Ebene.

COVAX gegen die Arm-Reich-Kluft bei der Impfstoffverteilung

Das Virus hat sich mittlerweile auf dem gesamten Globus ausgebreitet. Ohne einen weltweiten Zugang zu Impfstoff wird Corona nicht zu besiegen sein, so euronews. Doch während reichere Länder zumindest aus monetärer Sicht keine Schwierigkeiten haben, verfügbare Vakzine für ihre Bevölkerung zu beschaffen, haben es insbesondere arme Länder schwer, den notwendigen Schutz für ihre Bürger zu beziehen. Und so sind sie darauf angewiesen, dass global genügend Maßnahmen eingeleitet werden, um auch in Ländern mit niedrigem Einkommen Impfstoffe flächendeckend zu verbreiten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Koalition für Innovationen in der Epidemievorbeugung(CEPI) und die Impfallianz Gavi haben daher COVAX, ein Impfprogramm, das genau dort ansetzt, ins Leben gerufen. Ursprünglich sollte COVAX die weltweite Verteilung von Impfstoff koordinieren. Doch durch Verzögerungen im Anlaufen des Projektes herrschte zunächst Misstrauen gegenüber der Initiative, sodass viele Länder eigenständig Vereinbarungen mit Impfstoffherstellern getroffen haben, um ihre Bevölkerung ausreichend schützen zu können. COVAX konkurriert also mit den reicheren Ländern, die bereits einen Großteil der Dosen aufgekauft haben, um den verfügbaren Impfstoff, wodurch die geplante flächendeckende Verteilung auch in armen Ländern natürlich beeinträchtigt wird.

Immerhin: Seit der ersten Lieferung Ende Februar hat COVAX schon über 38 Millionen Impfstoffdosen in über 100 Volkswirtschaften verteilt. 61 davon sind laut der WHO Länder mit geringerem Einkommen, die durch das Gavi COXAX AMC Programm bei der Impfstoff-Finanzierung unterstützt werden. Der Weg für eine gerechtere Verteilung ist somit zwar geebnet, er wird allerdings durch die natürlichen Mechanismen gewinnbestrebter Pharmaunternehmen und der „Wer zuerst kommt, malt zuerst“-Mentalität reicherer Länder ausgehebelt. Die Forderung nach mehr Transparenz seitens der Pharmaunternehmen gewinnt daher weltweit an immer mehr Nachdruck und lässt darauf hoffen, dass die Informationen, die weltweit zahlreiche Leben retten könnten, bald mit dem Rest der Welt geteilt werden. Forscher der Stanford University setzen hier erste Maßstäbe.

Moderna-Impfstoff entschlüsselt: mRNA-Sequenz auf GitHub

Wissenschaftler von Stanford haben die mRNA-Sequenzen der Moderna- und Pfizer/BioNTech-Impfstoffe auf GitHub veröffentlicht. In einer vierseitigen Ausführung beschreiben die Forscher wie sie bei der Gewinnung und Analyse der Impfstoff-Proben vorgegangen sind und inwiefern die gewonnenen Sequenzen bei der weiteren Bekämpfung von Covid-19 helfen könnten. Die mRNA-Sequenzen belaufen sich dabei auf zwei Seiten der Ausarbeitung und wurden entsprechend der unterschiedlichen Teilbereiche des Codes farblich markiert.

Die mRNA-Sequenzen des Pfizer/BioNTech- und des Moderna-Impfstoffes sind jetzt für jeden einsehbar (Photo by Hakan Nural on Unsplash)

Die Forscher geben an, für die Probennahme lediglich auf Impfstoffreste, die in Fläschchen zurückgeblieben waren, zurückgegriffen und somit keine Impfstoffdosen „verschwendet“ zu haben. Dabei holten sie sich die Erlaubnis der FDA ein, um leere Impfstofffläschchen für die Analyse behalten und die Sequenzen später teilen zu dürfen.

Zwar wird die Veröffentlichung der mRNA-Sequenzen nicht dazu führen, dass sich jetzt jeder im DIY-Style den Moderna-Impfstoff zuhause nachbasteln kann, dennoch ist dieser Open-Source-Ansatz ein großer Schritt in der kollaborativen Weiterentwicklung der vorhandenen Vakzine. Andere Forscherteams können aus dem Gencode gegebenenfalls noch weitere Informationen ziehen und ihn in ihrer eigenen Arbeit gegen das Virus auffassen. Zeitgleich halten natürlich noch die großen Pharmakonzerne Patente auf die entsprechenden Impfstoffe. Es bleibt daher abzuwarten, inwiefern das GitHub-Dokument im weltweiten Kampf gegen das Virus noch eine Rolle spielen wird. Der notwendige Anreiz, den Markt zu liberalisieren sollte beim derzeitigen Virus-Geschehen doch eigentlich gegeben sein.

Die Relevanz von Open Source erkannt?

Wie sowohl COVAX als auch die Veröffentlichung der Moderna-Impfstoff-mRNA-Sequenz zeigen, besteht auf vielen Seiten ein gemeinsames Verständnis der Bedeutung von Transparenz beim globalen Kampf gegen Corona. Je offener mit den Informationen zur Impfstoffherstellung umgegangen wird, desto schneller kann das Virus weltweit besiegt werden. Open Source nimmt somit insbesondere in Pandemie-Zeiten einen extrem hohen Stellenwert ein und könnte durch eine gemeinsame, globale Informationsbasis zu potenziellen Wirk- und Impfstoffen zu enormen Fortschritten im Kampf gegen das Virus führen. Dies wird jedoch durch die Patent-Politik in der Pharmaindustrie maßgeblich eingeschränkt, was nicht nur den eigentlichen Forschungsfortschritt ausbremst, sondern im Fall von SARS-CoV-2 täglich zu zahlreichen Todesfällen weltweit führt.

Die Frage, die wir uns stellen sollten lautet also: ,,Inwiefern kann der Schutz von geistigem Eigentum überhaupt über den Schutz des menschlichen Lebens gestellt werden?“

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Quellen:
Patente: gesetze-im-internet.de, patents-kill.org
Moderna: t3n, Mashable, NAalytics, vice
COVAX: euronews, WHO, bmz.de, Gavi COVAX AMC
Bilder: CDC on Unsplash, Hakan Nural on Unsplash

Lina Pierdziwol

Lina hat ihre Begeisterung für die Welt der Medien und der Kommunikation während ihres dualen Bachelors entdeckt. Hier war sie zunächst im B2B-Eventmarketing tätig, fand aber während ihrer Bachelorarbeit schnell Gefallen an den Bereichen des Online Marketings. Nach ihrem Abschluss hat sie sich für den MuK-Master an der SRH entschieden und arbeitet seitdem parallel in einer Digitalagentur. Hier konzentriert sie sich vor allem auf Themen wie SEO und Content Management und befasst sich gerne in den gängigen Trends der digitalen Kommunikation.