Fynn Kliemann: »Dulli mit großem Herz« – plötzlich ganz klein

Wer auf YouTube und in den sozialen Medien unterwegs ist weiß, dass diese Szene einen hohen Einfluss auf das Kaufverhalten und Meinungen von jungen Menschen haben kann. Influencer (dt: Beeinflusser/ Meinungsmacher) und Blogger haben sich im Netz eine große Fangemeinde aufgebaut und teilen mit dieser ihr tägliches Leben. Durch ihre Nähe zur Community genießen sie ein großes Vertrauen und werden von begeisterten Fans nachgeahmt. Dass dabei nicht alles Gold ist, was glänzt – oder nicht alles made in Portugal, wo’s drauf steht, zeigen die Influencer immer wieder. 

Kürzlich hat das auch der selbsternannte »Sinnfluencer«, Musiker und Shopbetreiber Fynn Kliemann erfahren müssen – von Satiriker Jan Böhmermann höchstpersönlich. Dessen Investigativ-Team hat einige Wochen lang recherchiert, Produktionsketten und geleakte Nachrichten verfolgt und direkt nach der heute-Show im ZDF Magazin Royale die Bombe platzen lassen: der 34-Jährige hat beim Verkauf von Atemschutzmasken während der Corona-Pandemie bewusst falsche Angaben gemacht, Geschäftspartner getäuscht und fehlerhafte Masken an Flüchtlinge verteilt. Noch dazu hat er, entgegen eigener Angaben, sehr wohl am Verkauf dieser Masken profitiert. 

Viele reagieren verärgert, noch mehr enttäuscht. Kliemann war Vorbild und wurde mit seinen spontanen und oft Robin-Hood-artigen Aktionen zu einem echte Macher. YouTube-Kollege LeFloid alias Florian Mundt fasst es zusammen: »Das ist auf so unfassbar vielen Ebenen ne absolute Vollkatastrophe!« 

Doch was genau ist eigentlich passiert, wie geht Kliemann damit um und warum ist das aus Medien- und Kommunikationssicht auch heute, einen Monat nach dem Skandal, noch spannend? 

»Der Dulli mit dem großen Herzen …«

Fynn Kliemann Zeichnung
Fynn Kliemann – Zeichnung

Fynn Kliemann, gelernter Mediengestalter, postet im April 2015 sein erstes Heimwerker-Video auf YouTube. Er will seinen Freunden zeigen, dass man auch mit wenig Geld »echt geile Dinge« machen kann. Der Clip macht ihn über Nacht zur Berühmtheit und ist der Beginn der Ära »Kliemannsland«. Was zunächst als Idee beginnt, wird schnell Realität: Begleitet vom Mediennetzwerk »Funk« kauft Kliemann einen Bauernhof bei Bremen und gründet »den besten und freisten interaktiv-Staat der Welt«. Immer mehr Projekte folgen: 2016 startet er sein Merchandising-Label »Oderso«, 2018 produziert er mittels Crowdfunding in Eigenregie sein erstes Pop-Album »Nie« und erhält dafür eine Goldene Schallplatte; 2018 kauft er zusammen mit Olli Schulz ein Hausboot und lässt dessen Umbau von Netflix verfilmen.

Deals, Marketing und der Durchbruch

Immer mehr Sponsoren werden auf Fynn aufmerksam, der insgesamt weit über eine Million Abonnements auf YouTube und Instagram verzeichnet. Unternehmen wie der Trinkwasser-Produzent Viva con Aqua oder der Baumarkt-Gigant Toom arbeiten mit ihm zusammen – erste und lukrative Werbedeals entstehen. Fynn zeigt die Marken regelmäßig in seinen Heimwerker-Videos, bei Instagram oder im Kliemannsland, die Unternehmen bezahlen ihn dafür. 

Den großen Boom erlebt Kliemann in der Zeit, in der die meisten anderen Unternehmen um ihre Existenz bangen: während der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021. Schnell galt Kliemann, der damals nicht nur zusah, sondern schnell handelte bei seinen Fans und Kolleg:innen als Macher. So sichert er etwa kurzerhand die Arbeitsplätze der in Europa produzierenden Textilfirma Global Tactics. Statt wie bisher seinen Merch zu nähen, stellen sie die Produktion kurzfristig auf Schutzmasken um. Die Konkurrenz betitelt Fynn als »Profitgeier« und bietet seine Masken zu vermeintlich fairen Preisen an. Die logische Konsequenz: Zahlreiche große Unternehmen, darunter zum Beispiel auch das ZDF, ordern die Masken bei Global Tactics. 

Mit seinem eigenen Kinofilm, dessen Erlös er zu 25% an deutsche Kinos spendet, verkaufter Kunst, weiteren Alben vom eigenen Plattenlabel Two Finger Records und der LDGG (Lass dir gut gehen)-Ferienhausvermietung erwirtschaftet der selbsternannte »Anti-Kapitalist« nicht nur einiges an Geld, sondern ist Anfang 2022 CEO von neun Unternehmen.

Fynn Kliemanns Auftritt bei Böhmermann

Sonntag, 1. Mai 2022, Fynns Geburtstag: Auf Instagram postet er den Screenshot einer Presseanfrage des ZDF mit dem Titel »Konfrontation ZDF Magazin Royale«. Am gleichen Abend geht er bei Instagram live und beantwortet die Fragen der Journalist:innen zu seinen Unternehmen, seinen Verdiensten, den Maskenverkäufen und der LDGG. Typisch Fynn ist das Video nicht geskriptet, wirkt eher sarkastisch und so, als würde er all das auf die leichte Schulter und nicht besonders ernst nehmen.

»Normalerweise sagt man seinem Anwalt bescheid, aber das find ich irgendwie blöd!«

(Fynn Kliemann im Instagram-Live vom 01. Mai 2022.)
Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale
© ZDF und Jens Koch // zur Nutzung freigegeben: Jan Böhmermann im Studio.

Freitag, 6. Mai 2022, 10 Uhr: Ausnahmsweise wurde die neue Folge des ZDF Magazin Royale nicht erst kurz vor linearer Ausstrahlung veröffentlicht, sondern ist bereits morgens in der Mediathek abrufbar. Die Show beginnt, Jan Böhmermann moderiert, das Live-Orchester spielt. Die Stimmung kippt und man sieht Böhmermann deutlich an, dass es jetzt ernst wird.  Stück für Stück legt er die Recherchen seines Teams zu Fynns LDGG, krummen Spendenbeträgen und zuletzt seinen Masken-Verkäufen offen. Anders als von Fynn Kliemann behauptet, stammen 2,3 Millionen seiner vermeintlich fairen Masken gar nicht aus Portugal in Europa, sondern aus Bangladesch und Vietnam in Asien.

Ferner produzierten der stolze Gewinner des Nachhaltigkeitspreises NachhaltigkeitspreisesNachhaltigkeitspreises 2020 und sein Geschäftspartner Tom Illbruck diese Masken für 0,40 bis 0,50 Euro pro Maske und verkauften sie zu 2,20 Euro pro Stück (Großkunden wie ABOUT YOU zahlten knapp einen Euro pro Maske). Ein Gewinn in Millionenhöhe – von Kliemann verschwiegen, der das Projekt stets als »Selbstkosten-tragend« angab. Der noch größere Skandal folgt alsbald: 100.000 der gelieferten Masken aus Bangladesch waren fehlerhaft. Statt diese ordnungsgemäß zu entsorgen, verteilte Fynn sie kostenfrei an Flüchtlingsunterkünfte. 

»Cool, dass du investigativen Journalismus genauso wichtig findest wie wir. Weil, Fynnie, wir sitzen hier seit Wochen auf ein paar echt heißen Dokumenten, die zeigen, was bei dir so abgeht, wenn ausnahmsweise mal keine Go-Pro läuft.«

(Jan Böhmermann, 06. Mai 2022 im ZDF Magazin Royale)

Fynn Kliemann: Was danach geschah …

Freitag, 6. Mai 2022, abends: Ein erschöpft wirkender Fynn Kliemann lädt ein Video bei Instagram hoch. Anders als in seinem ersten Video zum ZDF liest er diesmal von einem Zettel ab, wirkt strukturierter und klarer. Er entschuldigt sich bei seinen Partnern und allen Unternehmen, die er getäuscht hat. Einsicht ist kaum erkennbar, Schuldzuweisungen dafür umso mehr. 

Montag, 9. Mai 2022: Fynn bittet öffentlich um eine Auszeit. 

Freitag, 27. Mai 2022: »Es tut mir leid« – so heißt das Video, das Fynn hochlädt. Zum ersten Mal professionell gefilmt, der nahbare Stil bleibt trotzdem erhalten. Er wird unterstützt von externen Unternehmensberatern und einer Wirtschaftsprüferin. Im Video rudert er zurück, wirkt einsichtig und zeigt Reue. »Ich habe nur Masken aus Portugal verkauft. Ich bin nicht Global Tactics e.K. Ich habe keine Masken an Flüchtlingscamps verkauft oder gespendet.«, erklärt er. Trotzdem wurden die Masken in seinem Namen verkauft – »das tut mir echt leid«, so Fynn. Unter oderso.cool gibt es eine detaillierte Aufschlüsselung der Vorwürfe. Fynn hat außerdem erkannt, dass ihm das alles »zu schnell zu groß« geworden ist und er die Übersicht verloren hat. Den Gewinn aus den Maskenverkäufen spendet er jetzt zu gleichen Teilen an vier NGO’s.

Mittwoch, 15. Juni 2022: Ein Verfahren gegen Fynn Kliemann wird eingeleitet, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Sonntag, 19. Juni 2022: Fynn veröffentlicht eine wütende Story bei Instagram. »Es ist doch jetzt gut. Da haben ziemlich viele Leute ziemlich viel durcheinandergebracht, dann haben es alle abgeschrieben, es hat sich super geklickt und mein gesamtes Leben zerstört. Zehn Jahre nonstop Arbeit – alles ist kaputt. Können wir jetzt bitte weitermachen?«

Die Presselandschaft verzeiht den Kliemann-Skandal nicht so schnell, wie Fynn Kliemann selbst es sich wohl gewünscht hätte. Er ist wütend auf die Medien, auf deren Arbeit und vor allem auf die »wildgewordenen Reporter«, die »Aussagen verunstalten«. Weiter sagt er: „[…] diese komplette Böhmermann-Scheiße geht mir echt am Arsch vorbei […]. Ich versteh schon. Ihr habt mich mit öffentlichen Geldern groß gemacht, dann hab ich nicht gespurt. Und mit genau den gleichen Geldern soll ich jetzt zerstört werden.“ Ein weniger versammeltes und reflektierteres Statement als seine letzten Postings vermuten ließen – bei dem Medienrummel auch kaum verwunderlich, allerdings auch wenig hilfreich. Die Journalistin und Comedienne Sarah Bosetti schreibt bei Twitter: »Erst etwas Schlimmes tun. Erwischt werden. Reue zeigen. Merken, dass die Tat trotzdem nicht einfach vergessen wird. Wütend werden. Bisschen durchdrehen. Sich selbst als Opfer und Kämpfer für das Gute darstellen. Was für ein altes, unangenehm mitanzusehendes Muster. #fynnkliemann«

Reden reden à la Fynn Kliemann

Erstaunlich ist, neben den eigentlichen Vorfällen, vor allem eines: Wie schnell sich ein »Dulli mit großem Herz zu einem Medienprofi an allen Fronten« (LeFloid) entwickeln kann. Fynn kommunizierte zu Beginn des Skandals locker, lässig und machte Witze über die Arbeit der Journalist:innen. Später zeigte er Einsicht und entschuldigte sich mehrfach (und mehrfach eher unglaubwürdig) bei seiner Community und den Fans.

»Lieber Fynn, dass die Masken teilweise nicht in Europa produziert wurden, war uns bis heute nicht bekannt […]. Global Tactics hat uns gegenüber angegeben, dass die Masken aus Europa kommen. Nach den uns vorliegenden Informationen hat uns Global Tactics weder im Jahr 2020, noch danach, darüber informiert, oder uns darauf hingewiesen, dass die Masken außerhalb Europas hergestellt worden wären. Selbstverständlich haben wir die „ODERSO“-Masken umgehend aus dem Sortiment genommen.«

(Tarek Müller, Geschäftsführer von ABOUT YOU bei Instagram)
Instagram Fynn Kliemann
Instagram ist eine wichtige Plattform für Creator, um mit ihren Fans in den Austausch zu kommen.

Die Fans schienen seine Einsicht zunächst auch als solche aufzunehmen, zeigten sich jedoch unter Kliemanns jüngstem Posting abermals wütend. Die vier NGOs, an die Kliemann jeweils 71.000 Euro gespendet hat, scheinen doch nicht über die Lügen hinwegzutrösten. »Dass man mit sowas abgespeist wird«, schreibt ein User. »Und so schnell schlägt sich die manipulierte Community wieder auf Fynns Seite«, ein anderer. 

Neben einer aktiven Community, die ihm lange treu folgte, hat Fynn auch zahlreiche Kooperationsdeals verloren. Sein «aufräumen« dürfte länger dauern – ob er sich je von dieser Krise erholt, wird sich zeigen. Welche rechtlichen Konsequenzen auf ihn warten, auch. 

Wir halten euch auf dem Laufenden.

Der Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 20.06.2022 um 10.40 Uhr.


Mehr zu Fynn Kliemann/ Quellen:

Das Video von Jan Böhmermann und seinem Investigativ-Team des ZDF Magazin Royale:

YouTube

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Fynn Kliemann und Caro Daur: Allianz der Influencer

Was ist das Kliemannsland?

Es tut mir leid. Ich geh jetzt aufräumen | Masken Fynn Kliemann – ODERSO

Fynn Kliemann: Jan Böhmermann wirft ihm Maskenbetrug vor – Business Insider

Das Zitat „Der Dulli mit großem Herzen“ stammt aus einem Video von LeFloid

Bilder unter Verwendung der Galerie von Pexels.
Jan Böhmermann: ©ZDF und Jens Koch
Zeichnung: ©Sarah Lippasson unter Verwendung eines Fotos von ©dpd// Hauke-Christian Diettrich

Sarah Lippasson

Sarah studiert im Bachelor Medien- und Kommunikationsmanagement. Auf ihrem Blog schreibt und spricht sie seit inzwischen acht Jahren über Bücher & Musicals. Ihre Hobbys – die Literatur, das Musiktheater und die Medienwelt – hat sie zum Beruf gemacht: sie arbeitet im Marketing eines Buchverlags und ist außerdem selbstständig als Video- und Fotografin im künstlerischen Bereich.