Marvin Wildhage – Von Vertrauen und Fake-Produkten

TikTok, Instagram, Facebook und co. – Das natürliche Habitat der Influencer:innen. Hier zeigen sie, wie bunt, fröhlich und erfolgreich sie leben, welche Produkte sie nutzen, wo sie einkaufen gehen und welche Restaurants ihnen gefallen. Viele verlassen sich auf diese Empfehlungen… Doch können und sollten wir das wirklich? Marvin Wildhage zeigt mit einem Experiment, wie vertrauenswürdig (einige) Influencer:innen wirklich sind und mischt damit ordentlich die Online-Welt auf.

Marvin Wildhage – Interviews, Undercover und Pranks

Der 25-jährige YouTuber hat bereits rund 339.000 Abonnenten auf YouTube und über 49.000 Abonnenten auf Instagram. Mit Videos wie „Undercover als Bundesliga Profi bei Klinsmann und Herta BSC“ oder „Marvin Undercover als Türsteher | versteckte Kamera“ erreicht der junge Creator rund 430.000 bis zu knapp 1,6 Mio Aufrufe. Doch auch Interviews mit Künstler:innen wie Marteria, Casper oder Nico Santos im STARTALK gehören zu Marvin’s Content, wenngleich sich das in den letzten zwei Jahren stark gewandelt hat.

Screenshot vom YouTube-Kanal von Marvin Wildhage
Screenshot vom YouTube-Kanal von Marvin Wildhage // Lina Pierdziwol

Derzeit häufen sich Inhalte mit Prank-Charakter gegenüber Prominenten und Influencer:innen sowie Berichte über deren Folgen auf Marvins . Das absolute Top-Video derzeit mit über 2 Mio. Aufrufen: „Influencer werben für mein FAKE-PRODUKT“.

Was steckt hinter dem Influencer-Experiment?

Ziel war es, so Wildhage, zu beweisen, dass Influencer für Geld alles sagen. Für sein Experiment entwarf der YouTuber im nächsten Schritt also eine Creme, da sie zum einen einfach herzustellen ist und zum anderen ein gewisses „Schummeln“ ermöglicht. Mit gerade einmal 35 Euro bastelte er sich aus Creme-Behältern und Klebestreifen eine stylisch-aussehende Verpackung. Ergänzt um vorbereitete Etiketten mit Aufdruck der Inhaltsstoffe waren die Döschen auch schon fertig.

Hier baute der YouTuber aber schon die erste Falle für die Influencer:innen mit ein. So ergänzte er die Beschreibung der tatsächlichen Inhaltsstoffe der Creme um weitere Bestandteile, die wirklich niemand in seiner Gesichtscreme haben möchte. Zwar muss man schon ganz genau hinschauen, um diese Stoffe in den zahlreichen anderen Zutaten zu erkennen, doch Asbest, Uran und Pipikaka seed oil, sollten doch eigentlich jedem ins Auge springen, oder nicht?

Screenshot Marvin Wildhage trickst Influencer aus
Screenshot des Videos von Marvin // Lina Pierdziwol

Natürlich sind diese Stoffe nicht wirklich in der Creme enthalten, sodass das Produkt selbst harmlos und keinesfalls schädlich ist. Dennoch sollte man davon ausgehen können, dass insbesondere diejenigen, die diese Produkte an eine größere Gruppe Menschen weiterempfehlen, gelesen haben, was eigentlich drin steckt. Abgesehen von der seriösen Verpackung hat Marvin allerdings noch weitere Verschleierungsmaßnahmen eingeleitet.

Internet, das Paradies für Betrüger?

Im nächsten Schritt hat Marvin Wildhage eine Webseite für seine Creme vorbereitet. Hierfür, so beschreibt er, habe er sich im Internet Photoshop-Dateien heruntergeladen, in die er lediglich Logo und Name einfügen musste, um in wenigen Clicks professionell aussehende Produktfotos für den Web-Auftritt zu erhalten. Einige mit Logos versehene Stock-Fotos später und schon war die Homepage fertig.

Für die entsprechende Credibility auch im Social Web führte er außerdem wochenlang einen Instagram-Account für seine neue Fake-Marke. Dabei war er sich nicht zu schade, sowohl Likes als auch Follower:innen zu kaufen, um so nach außen hin noch authentischer und glaubwürdiger zu wirken. Einige Fake-Kommentare und -Stories vor dem Biomarkt noch dazu und schon stand das seriöse Markenbild.

Anschließend hat Marvin eine eingeweihte Influencerin das Produkt bewerben lassen, damit angefragte Influencer:innen nicht die ersten sein mussten und sehen konnten, dass bereits andere für das Produkt warben. Als letzten Schliff erfand er dann noch eine PR-Firma mit Webseite, Mail- und Instagram-Account sowie Handy-Nummer, um den Kontakt zu den Influencer:innen aufzubauen. Die Weichen für die Kontaktaufnahme mit den Creatorn waren also gestellt.

Kontaktaufnahme – Das wussten die Beteiligten vorher

Für die Kontaktaufnahme erstellten Marvin und sein Team ein Produkt-Briefing. Es sollte für das Management der Influencer:innen nicht erkenntlich werden, dass es sich bei der Hydro Hype Creme nicht um ein echtes Produkt handelte.

Die PowerPoint gab vor, wie die angefragten Influencer:innen das Produkt bewerben sollten. So sollte im Fokus der Botschaften der Anti-Aging-Effekt der Creme mit Vorher-Nachher-Bildern stehen. Außerdem sollte betont werden, dass das Produkt bio, vegan und frei von Tierversuchen ist sowie durch Urangestein gefiltertes Wasser enthält. Ziemlich auffällig, könnte man meinen. Doch anscheinend noch nicht auffällig genug.

Hydro Hype – Das steckt wirklich drin

Der angesprochene Vorher-Nachher-Effekt kann gar nicht eintreten, so Marvin Wildhage in seinem YouTube-Video. Bei dem Inhalt des Produktes handle es sich um Gleitgel. Eine der angefragten Influencer:innen fragte vor Einwilligung in die Kampagne um eine Probe von Hydro Hype, um es vorher testen zu können. Diese erhielt sie auch, lehnte die Zusammenarbeit infolge dessen aber ab. So sollte es ursprünglich ja auch sein, wenn wir uns auf die Produktempfehlungen von Influencer:innen verlassen können wollen. Doch leider war dies nicht immer der Fall.

Auch eine weitere Anfrage mündete in einem Produkttest, jedoch willigte die angefragte Influencerin diesmal in eine Zusammenarbeit ein. Einige Tage später wirbt sie in einer Instagram-Story für die Hydro Hype Gesichtscreme und hält sich perfekt an das Briefing. Das heißt, sie erwähnt auch – ohne es zu hinterfragen – das durch Urangestein gefilterte Wasser. Außerdem fügt sie ein Vorher-Nachher-Bild hinzu, bei dem ein ganz klaren Verbesserungseffekt zu sehen ist, den Hydro Hype bekannterweise nicht hervorrufen kann. Hier wurde also offensichtlich geschummelt.

Marvin Wildhage – Irgendwo zwischen Entertainment und Rechtslage

Die Aktion von Marvin Wildhage blieb nicht ohne Medienaufruhen. So äußerten sich viele Influencer:innen deutlich negativ zu Marvin’s Experiment und empörten sich öffentlich über den hinterhältigen Trick. Marvin selbst sieht sein Experiment dabei viel mehr als eine Art Test, den die angefragte Influencer:in eben einfach nicht bestanden hat.

Auch wenn der Verlauf dieses Tests die Glaubwürdigkeit von Influencer:innen deutlich reduziert, sollte man von einem Einzelfall nicht direkt auf die Gesamtheit der Influencer:innen schließen. Nicht jede:r empfiehlt so blind ein offensichtlich schlechtes Produkt weiter. Dennoch kann das Experiment von Marvin Wildhage einen Anreiz dafür geben, eben nicht alles zu glauben, was online gesagt wird. Zwar werden Influencer:innen als vertrauenswürdiger und mit ihren Follower:innen mehr auf einer Ebene wahrgenommen als Testimonials, dennoch werden sie für ihre Leistungen letztendlich bezahlt und sind damit in ihren Aussagen und Handlungen nicht gänzlich unabhängig.

Doch haben diese Inhalte nicht auch rechtliche Folgen?
Ja! Marvin hat bereits einige Kontakte mit der deutschen Justiz gehabt. Insbesondere ein Video darüber, wie er sich einen Doktortitel erschlichen hat, sorgte kürzlich für rechtliche Aufruhen. Doch nicht nur er begab sich durch sein Experiment möglicherweise in graues Rechtsgebiet – auch den teilnehmenden Influencer:innen, die für sein Produkt warben, drohen gegebenenfalls rechtliche Folgen.

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Quellen:
YouTube-Kanal, Video von Marvin, Folgevideo, Instagram, Kanzlei WBS Video
Bilder: eigene Screenshots vom YouTube-Kanal und Video

Lina Pierdziwol

Lina hat ihre Begeisterung für die Welt der Medien und der Kommunikation während ihres dualen Bachelors entdeckt. Hier war sie zunächst im B2B-Eventmarketing tätig, fand aber während ihrer Bachelorarbeit schnell Gefallen an den Bereichen des Online Marketings. Nach ihrem Abschluss hat sie sich für den MuK-Master an der SRH entschieden und arbeitet seitdem parallel in einer Digitalagentur. Hier konzentriert sie sich vor allem auf Themen wie SEO und Content Management und befasst sich gerne in den gängigen Trends der digitalen Kommunikation.