Selenskyj – Politikprofi durch Kommunikation?

Im Ausland war er lange unbekannt, jetzt ist er in wenigen Wochen bei jedem bekannt: Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine. Er fällt durch direkte Kommunikation auf, erzählt in verständlichen Worten, was Sache ist und motiviert sein Volk. Er ist der überraschend starke Gegenspieler von Wladimir Putin. Was macht er anders als andere Berufspolitiker?

Vom Comedian zum „Diener des Volkes“

Um zu verstehen, warum Selenskyj so gut mit Medien umgehen kann, ist eine kurze Biographie ganz hilfreich: Der 44-jährige war früher Komiker und Schauspieler, und ist damit bestens mit Auftritten vor Publikum, Fernsehkameras und Journalisten vertraut. Bei MDR.de heißt es:“Selenskyj stammt aus einer Mittelstandfamilie. Sein Vater ist Mathematiker und unterrichtet an der Universität in der Großstadt Krywyj Rig, seine Mutter ist pensionierte Ingenieurin. In Krywyj Rig gründete er gemeinsam mit den Schulfreunden einen Humorverein, der sich später zu einem erfolgreichen multidisziplinären Unterhaltungsbetrieb entwickelte. Im Jahr 2015 produzierte er die Serie „Diener des Volkes“, in der er einen Geschichtslehrer spielte, der zufällig Präsident geworden ist. Diese Serie gilt heute als Teil seiner Präsidentschaftskampagne, obwohl die Drehbuchschreiber behaupten, dass sie von der Maidan-Revolution inspiriert waren und ihre Phantasie über direkte, volksnahe Demokratie spielen ließen.“

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Deshalb ist Selenskyj im Ukraine-Krieg so erfolgreich: Video von „DIE DA OBEN“

Gelungene Kommunikation von Selenskyj

Stand 2019: Ein prominenter, beliebter Schauspieler kandidiert für das Präsidentenamt. Durch die Serie „Diener des Volkes“ kennen ihn viele Landsleute, und bringen ihn dadurch zumindest grob mit Politik in Verbindung. Erst recht, als Selenskyj seine Partei ebenfalls „Diener des Volkes“ nennt. Der Präsident in der Serie steht für einen Staat ohne Korruption. Mit 73 Prozent der Stimmen wird er gewählt. Blick.ch erklärt das so: „Die Ukrainer, bedroht in ihrer Unabhängigkeit und in ihrer nationalen Identität, erkannten sich im Aussenseiter Selenski wieder.“ Denn politisch gesehen war er das. Blick.ch bezieht das auch auf Selenskyjs Religion als ukrainischer Jude. Doch inwieweit das zum Zeitpunkt der Wahl relevant war?

Stand 2022: Der Präsident ist mit einem Krieg konfrontiert. Immer wieder reagiert er durch Social-Media Videos direkt auf Angriffe der russischen Propaganda. Er habe das Land verlassen? Nein! Schon steht er vor einem bekannten Gebäude der Hauptstadt und dementiert klar, bezieht Stellung zu den Vorwürfen, seine Videos wären fake. Und auch sonst ist der Ukrainer ein starker Pol zu Putin: Mit Angst, Drohungen, einseitiger Berichterstattung, Militär, einem Personenkult, noblen Palästen und edlen Anzügen demonstriert Putin seinen Status und seine Macht. Währenddessen zeigt Selenskyj, wie er müde, mit Drei-Tage-Bart und einfacher Kleidung vor einer Handy-Kamera sitzt. Im Selfie-Modus ist er authentisch und spricht wohl damit den Bürger*innen der Ukraine aus der Seele, die irgendwie versuchen, sich gegen den Angriffskrieg zu wehren.

Fazit: Selenskyj ist aus mehreren Gründen erfolgreich: Er ist volksnah, spricht Klartext, ein Gegenpol zu Putin und seit Jahren sowieso ein Kommunikations- und Medienprofi. Außerdem motivert er seine Bürger*innen und möchte transparente Politik betreiben. Bis zu einem gewissen Grad könnten das auch andere Politiker*innen tun – doch der ukrainische Präsident hat eine Sonderstellung: Sein Land braucht jetzt schnelle Entscheidungen, statt langer Debatten mit anderen Regierungsmitgliedern und der Opposition. Bei anderen Berufspolitiker*innen könnten klare Positionen schnell für Angreifbarkeit sorgen, statt für derartige Sympathie.

Quellen:

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/selenskyj-portrait-100.html

https://www.youtube.com/watch?v=RRHyDLWsObQ&list=WL&index=5

https://www.blick.ch/ausland/die-geschichte-selenskis-wie-aus-einem-juedischen-aussenseiter-ein-ukrainischer-volksheld-wurde-id17289683.html

Bilder:

https://pixabay.com/vectors/president-head-zelenskyj-volodymyr-7069972/

Eva Bloch

Eva hat während ihrem dualen Bachelorstudium erste Berufserfahrungen beim ZDF gesammelt. 2021 begann sie den Master an der SRH Fernhochschule und arbeitet jetzt in einem Industrieunternehmen als Werkstudentin im Bereich Unternehmenskommunikation. In ihrer Freizeit liest sie gerne, kocht oder macht Zumba.