Vorwürfe zu Produktionsbedingungen bei GNTM (3/3)

In Teil eines dieses Beitrages ging es um aktuelle Kritik an der TV-Show. Mehrere Ex-Kandidatinnen von „Germanys Next Topmodel – by Heidi Klum“ haben im Mai 2022 zum Teil schwere Vorwürfe erhoben. In Teil eins wurde thematisiert, wer die Anschuldigungen erhebt und warum diese zum jetzigen Zeitpunkt viel Aufmerksamkeit erhalten. In Teil zwei werden die Vorwürfe genannt. Wichtig: Nicht nur Ex-Kandidatin Lijana erhebt diese Vorwürfe, auch YouTuber und ein Ex-Juror. Im dritten Teil des Artikels soll thematisiert werden, welche Folgen die Anschuldigen haben, inwieweit die Aussagen berechtigt sind und ob man als Zuschauer*in die Sendung noch guten Gewissens schauen kann.

Was für Konsequenzen haben die Anschuldigungen?

Immer mehr ehemalige Kandidatinnen melden sich seit den Videos von Lijana Wagga. Einige widersprechen den Aussagen, andere bestätigen diese oder beziehen ähnliche Vorfälle auf andere Staffeln. YouTuber Rezo hat sich in einem Video ebenfalls kritisch geäußert. Das Finale der diesjährigen Stafffel war medial auch davon überschattet. In der Live-Show vom 26. Mai, bei der Siegerin Lou-Anne gekürt wurde, ging man nicht explizit auf die Anschuldigen ein. Pro7 möchte nun gegen einige Aussagen juristisch vorgehen. Es gibt heftige Diskussionen: Was ist für Unterhaltungsfernsehen erlaubt? Wissen die Kandidat*innen nicht genau, auf was sie sich einlassen? Wie viel Verantwortung haben Zuschauer*innen, die Kommentare im Netz verbreiten? Inwieweit sind die Erlebnisse subjektiv, was kann durch die Produktion und den Schnitt beeinflusst werden? Die Meinungen gehen weit auseinander.

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Rezo kritisiert in seinem neuen Video von Mai 2022 die Sendung und fragt, warum Pro7 die Show noch nicht abgesetzt hat.

Kann man die Sendung noch gucken?

Einige meinen, im TV sei es normal, dass Aussagen verkürzt dargestellt werden und man mit seinen Aussagen aufpassen müsse. Denn wenn eine Woche Drehmaterial in der Sendung auf 2h geschnitten würde, kann man nicht alles im Kontext zeigen. Das betreffe nicht nur GNTM. Die Provokationen von Produktion und Redaktion seien notwendig, um Zuschauer*innen zu unterhalten, da dürfe man nicht alles ernst nehmen. Wenn Teilnehmer*innen nicht isoliert wären und sich stärker zurückziehen dürften, wäre das langweilig. Und die Show sei keine Castingshow, bei der es nur ums Modeln geht, sondern eben auch um Entertainment. Deshalb sei es auch in Ordnung, wenn die große Karriere als Model nach der Ausstrahlung ausbleibt. Einge Aussagen stimmten so nicht, und man müsse differenziert sehen: Viele Ex-Teilnehmerinnen berichteten positiv von ihrer Erfahrung und waren vielleicht einfach besser auf die Bedingungen vorbereitet.

Andere sagen, sie möchten mehr Casting- und weniger Reality-Show sehen. Unterhaltung rechtfertige eben nicht alles, und man könne die Kandidat*innen auch besser behandeln, ohne das die Sendung dadurch langweilig wird. Denn viele Frauen würden mit der Intension an der Show teilnhemen, berühmt zu werden und auch als Model arbeiten zu können. Außerdem seien einige Frauen eben gutgläubig und keine Medienprofis. Die Verträge zwischen Produktionsfirma und Kandidatin seien für viele abschreckend, sich zu äußern, da man sonst verklagt werden könnte. Von daher wisse eben nicht jede, auf was sie sich da einlässt. Und nur weil einige Models polarisierende Aussagen tätigen, habe Pro7 noch lange nicht das Recht, alles auszustrahlen und so Hassbotschaften im Netz zu fördern. Hier solle der Sender moralischer vorgehen und nicht alles tun, was erlaubt ist. Glaubhaft sind einige Anschuldigen auf jeden Fall: Denn neben Ex-Juror Peyman Amin melden sich Kandidatinnen aus verschiedenen Staffeln. Auch YouTuber zeigen, dass einige Vorwürfe nicht von der Hand zu weisen sind, da einige Situationen in der Sendung ausgestrahlt wurden. Ob alles wahr ist, ist aber sehr umstritten.

Sollte man die Sendung schauen, oder sogar die Absetzung fordern?

Man kann die Sendung gucken – aber kritisch! Für Teenager oder Personen mit einem geringem Selbstbewusstsein kann das schädlich sein, wie Studien über Essstörungen zeigen. Auch die Darstellung von Kandidatinnen, die eine schlechte Leistung abliefern, ist manchmal grenzwertig. Eine lustige Musik wird unterlegt, und schon wirkt das Model vor einem Millionenpublikum sehr ungeschickt. Inwieweit man die Sendung als Modelshow sieht, ist diskussionswürdig. Eine Unterhaltungsshow zeigt eben auch provokantes und ist keine Dokumentation. Hier muss jeder selbst wissen, was er als Entertainment ansieht, und wo Grenzen überschitten werden. Von daher: Es ist alles eine Abwägungssache. Man kann die Models nicht komplett für ihre Aussagen und Handlungen verantwortlich machen, wenn sie wirklich manipuliert werden sollten. Niemand weiß, wie er unter dem Druck einer mehrmonatigen Castingsituation reagieren würde, selbst wenn er sich mental darauf vorbereitet. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, besteht klarer Handlungsbedarf. Und selbst wenn Pro7 und die Produktion teils schwerwiegende Fehler gemacht haben, sind auch hier nicht alle Probleme entstanden. Ob man als Zuschauer*in ein gutes Gewissen hat, hängt nicht nur von den Produktionsbedingungen ab: Wer im Internet kommentiert, sollte überlegen, was er postet. Denn Kandidatin Lijana Wagga mag als Person umstritten sein, aber sicher dachte sich im Jahr 2020 niemand, dass sie wegen ihrer Teilnahme an einer Reality-Show psychische Probleme bewältigen muss und sogar unter Polizeischutz stehen würde.

Quellen:

Stern.de: „Ex-Kandidatinnen machen „GNTM“ schwere Vorwürfe – das hat jetzt wohl juristische Folgen“

Ramon Wagner: „NACH GNTM ABRECHNUNG von Lijana: ProSieben gibt Statement zu Vorwürfen“ sowie „GNTM 2022 Skandal vor dem Finale: Kritische Stimmen melden sich zu Wort“ und „Nach GNTM ABRECHNUNG von Lijana: Ex Models veröffentlichen Statement

Bilder:

Pixabay, siehe https://pixabay.com/photos/colors-makeup-cosmetic-fashion-291851/

Unsplash, siehe https://unsplash.com/photos/EOQhsfFBhRk

Eva Bloch

Eva hat während ihrem dualen Bachelorstudium erste Berufserfahrungen beim ZDF gesammelt. 2021 begann sie den Master an der SRH Fernhochschule und arbeitet jetzt in einem Industrieunternehmen als Werkstudentin im Bereich Unternehmenskommunikation. In ihrer Freizeit liest sie gerne, kocht oder macht Zumba.